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Glocknermurmel

Anfang Mai kann man wieder auf der Großglockner Hochalpenstraße hinauf fahren ins Hochgebirge.

Nach einem langen Winter kommt man per Auto wieder zur Franz-Josefs Höhe. 

Und kaum sind die Enkelkinder zu Besuch, ist ihr erster Wunsch: "Oma, wir müssen schauen, ob die Murmeltiere schon aufgestanden sind!"

Auf der Fahrt machen wir wie immer das Spiel:

"Wie heißt das "Papa-Murmeltier"?, wie heißt die "Mama-Wildsau"?, wie heißt das "Hirsch-Kind", oder die "Murmel-Frau"?...." 

Die Kinder wissen viel, sind die einen doch Jägerkinder und die anderen Bauernhofkinder und spielen wir dies Spiel doch schon seit vielen Jahren.

Ein Rehmann heißt Rehbock, eine Rehfrau nennt man Geiß, oder wie die Deutschen sagen Rike. Ein Rehkind ist das Kitz. "Wie bei unseren Ziegen", sagt Amelie.

"Da heißt es auch Bock, Geiß und Kitz." 

"Wie heißt der Papa beim Hausschwein?" frage ich die Kinder. "Eber", weiß der kleine Peter und fügt gleich hinzu: "Und der Papa bei den Wildschweinen heißt Keiler, die Wildschweinmama heißt Bache und die gestreiften Kinderlein von denen die nennt man Frischlinge." "Genau, aber wie heißt die Hausschweinmama? die Hausschweinkinder?" frage ich gleich zurück. "Sau und Ferkel, das weiß doch jeder Oma!" meint Jakob. 

Weil wir auf dem Weg zu den Murmeltieren sind, fragt Miriam: "Wieso sagt man zum Papa-Murmel "Bär", zur Mama-Murmel "Katze" und zum Murmel-Kind "Äffchen". "Vielleicht ist ihnen nichts besseres mehr eingefallen!" versucht Amelie den Kleineren eine Antwort zu geben. Ich hab auch keine Erklärung Parat. Aber wie wir oben im Gebirge ankommen, da sehen wir die Murmeltiere bei der Paarung und die Murmelfrau schreit tatsächlich wie unsere Katzen wenn sie rallig sind. Und später im Jahr sehen wir die Murmelmänner wie faule Bären auf einem Stein in der Sonne liegen und die Kinderchen, die Ende Mai, Anfang Juni auf die Welt gekommen sind und zwei Monate gesäugt werden, die spielen und toben wie kleine Äffchen.

Daher also die komischen Bezeichnungen. 

 

Die Murmeltiere auf der Franz-Josefs Höhe scheinen den Menschen nicht mehr im "Feindbild" zu haben.

Im Gegenteil, die sehen den Menschen als "Futterlieferant".

Wo früher, Kekse, Jausenbrot,... sogar Schokolade an die zutraulichen Vegetarier verfüttert wurde und sie davon krank wurden, da bringen die Menschen ihnen heute "gesunde" Kost. Karotten und Äpfel, sogar Erdnüsse und hartes Brot. 

Raschelnden Tüten laufen die Nager sogar förmlich hinterher, bis man ihnen eine Karotte hinhält.

In keinem Urlaubsbericht dürfen die zahmen Murmeltiere von der Franz-Josefs Höhe fehlen. 

Viele Stunden verbringen wir dort oben bei den Murmeltieren, hören ihre Warnrufe, wenn weiter oben der Adler kreist, oder sie Angst bekommen von so manchem Urlauber-Hund. Adler und Fuchs sind die Hauptfeinde des Murmeltieres. Doch sie bewachen ihre Burgen gut. Das Wächtertier stößt bei Gefahr einen markanten Pfiff in die Gebirgswelt hinein und schnell verschwinden alle in ihren Löchern. 

Wegen dieser Löcher in den Almwiesen sind die Murmeltiere bei den Bauern nicht gern gesehen. 

So manche Kuh hat sich schon in einem Murmelloch den Fuß gebrochen. 

Murmeltiere gehören zum jagdbaren Wild und in Kärnten darf man vom 1. August bis Mitte Oktober auf sie jagen. Einen ganzen Sommer lang fressen sie die besten Kräuter, Gräser und Blumen auf den Almwiesen.

Ihr Fleisch schmeckt so ähnlich wie Wildhasen. Herrlich - wenn es mit viel Wurzelwerk aus dem eigenen Garten zubereitet wird. Die Kinder fragen dann schon: "Werden die zahmen Murmel auf der Franz-Josefs Höhe eigentlich auch geschossen?"

Einmal, es war schon Abend und die Sonne hinterm Glockner verschwunden,  sind wir oben bei den Murmeltieren. Nicht mehr viele Murmeltiere sind zu sehen und auch die vielen Urlauber haben den Berg verlassen. 

Ein Murmeltier aber lag grotten breit in der Böschung über dem Weg. Eine späte Urlaubergruppe geht vor uns und die Dame sagt: "Ach schau, der Arme muss noch Touristendienst machen!" 

Dieses "der Arme muss noch Touristendienst machen", haben wir inzwischen in unseren Sprachgebrauch aufgenommen und wann immer wir einen dicken fetten Bär so daliegen sehen, wenn all die anderen schon in ihrem Bau verschwunden sind, dann sagen wir:  "Der Arme muss noch Touristendienst machen!" 

"Schau Oma, die Murmel müssen auch Heu machen, wie wir!" stellt Miriam fest, wie wir zusehen, wie emsig die Tiere Gras zusammen sammeln und in ihren Bau tragen. 

"Die legen verschiedene Kammern an in ihrem Bau. Eine Schlafkammer, die ausgepolstert ist mit Heu, wo sich alle zusammen kuscheln, weil so die Kälte besser ertragbar ist. Eine Speisekammer und sogar ein Klo haben die in ihrem Bau. 7 Monate leben die in ihrem unterirdischen Bau und leben von den Fettreserven die sie sich im Sommer angefressen haben. Um Energie zu sparen können sie ihre Körpertemperatur von 37 auf

5 Grad Celsius absenken. Auch der Herzschlag verlangsamt sich. 

Alle 4-5 Wochen werden sie munter, gehen aufs "Klo" fressen vielleicht was in ihrer Speisekammer und schlafen weiter. Wenn sie im April wieder aufwachen und die versperrten "Tore" ihres Baus wieder öffnen, dann sind die Murmeltiere wieder richtig schlank geworden. Und weil der Sommer im Gebirge so kurz ist, müssen sie sich gleich paaren und Junge bekommen. 

Aufmerksam hören die Kinder zu, was ich ihnen so über Murmeltiere erzähle.

Zappelig oder ungeduldig darf man da nicht sein, weil sonst kommt keines zu einem her. 

Wieder darf ich beobachten, dass die Natur doch das größte und beste Klassenzimmer ist und ein Buch, dass noch keiner zu Ende geschrieben hat.

Im Gebirge scheinen Endlichkeit und Ewigkeit ganz dicht beieinanderzuliegen.

Überall auf der Erde macht sich der starke, zerstörerische  Einfluss des Menschen bemerkbar.

Früher galten die hohen Gipfel als Wohnstätte von Göttern und Geistern, vor denen man ehrfürchtig Abstand hielt. Heute sind sie Ziel von Sportlern, wie Skifahrern, Bikern, Bergsteiger und Gleitschirmfliegern.

Die Lebensräume der Wildtiere werden knapp und umso mehr sollten die Menschen diese Lebensräume der Tiere achten und schützen. 

Doch nicht nur die Zerstörung der Natur durch die Konsum- und Freizeitgesellschaft ist ein Problem in den Bergen. Die globale Erwärmung im Gebirge ist besonders stark zu beobachten. 

Die gesamte Flora und Fauna wird sich verändern, ohne dass wir die Folgen dieser Entwicklung absehen können. 

Es geht darum, das empfindliche Ökosystem Bergwelt so gut es geht zu erhalten. 

Die Magie der Berge lässt sich am besten

in Ruhe und in der

achtsamen Begegnung erfahren. 

 

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