Immer um Muttertag herum wird der Acker gepflügt und werden Kartoffeln in die Erde gelegt.
Es ist jedes Jahr ein Aufbruch in einen neuen Kreis des Werden und Wachsens und Frucht-bringens.
Hubert bittet mich: "Kannst mer helfen Erdäpfel setzen, i derpack des neamer alloin." So stell ich die Saaterdäpfel in die Radltrogn und fahr den Weg hinunter zum Acker.
Tränen der Rührung stehen mir in den Augen, denn wenn man gerade bei der Acker Arbeit den 60igsten Geburtstag "feiert", wird man wohl rührselig sein dürfen. "Bitte lieber Gott, lass uns auch noch miteinander ernten, was wir in diesen Tagen säen
und setzen."
Die Schafe und Ziegen sind draußen. Truthahnküken sind im Brutapparat und im Stall geschlüpft und viele Hennen führen Küken.
Die Gänse haben keine Gössel bekommen und auch bei mir im neuen Brutapparat ist kein Gössel geschlüpft.
Ich hege den Verdacht, dass mein Ganter langsam zu alt ist.
Aber bei soviel Puten bin ich fast froh, wenn wir im Herbst keine Gänse schlachten müssen.
Auch die Hasen bekommen keine Jungen und ich lass sie irgendwann einfach frei laufen.
Joschua arbeitet die letzten Tage in der Firma und er bleibt noch solange da, bis wir mit dem ersten Heu und Honig fertig sind.
An meinem Geburtstag setze ich ein Birnbäumchen beim Kreuz. Genau in der Stunde, wie der Wallner Vota seinen Heimweg antritt.
Am 1. Mai hat er mit all seinen Verwandten und Freunden seinen 89igsten Geburtstag gefeiert.
Es war ein großes Fest des Abschied-nehmens.
Ein großes Fest des Dankes. Die meisten ahnten, dass der Wallner Vater seinen 90igsten Geburtstag schon im Himmel feiern wird.
Und fast bekam ich das Gefühl, der Wallner Vater müsse sich schleinen, dass er oben im Himmel noch einen Platz an der Tafel vom Papst Franziskus bekommt, der am Ostermontag gestorben ist, nachdem er an Ostern noch den Segen "Urbi et orbi" gespendet hat.
"Bei dem besonderen Mond, wo alle Schleusen offen stehen", wie seine Tochter sagt, ist der Wallner Hannes heim gegangen und ich bin 60ig geworden.
Ende Mai ist eine kleine Feier angesetzt. Mein Bruder und seine Frau, meine Mutterfreundin Suse und meine Schwesterfreundin Heidi können leider nicht dabei sein. Auch meine Mama bleibt lieber in Murrhardt, in ihrem gewohnten Alltagstrott. Immerhin ist sie schon 87ig Jahre alt und der Weg doch ziemlich weit, bis zu mir in die Berge.
Joschua hat noch viele Stunden am Bergsteiger-Buch am Friedhof gearbeitet.
Viele Stunden stanzt er auch den Namen von Leonie in dieses Buch hinein. Und ich stelle mir vor, wie es da meinem Kind geht, wenn er den Namen schreiben muss von einer Schulkollegin und Freundin.
"Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben."
Es ist nicht selbstverständlich, dass man ein weiteres Jahr säen und auch ernten darf.
Ende Mai ist es Gewissheit, dass meine Schafe nach fast 20ig Jahren, nicht mehr auf die Tauernbergalm dürfen.
Die "Berechtigten" haben beschlossen, dass nur noch die auftreiben dürfen, die geschriebene Almrechte haben.
Wo soll ich mit meinen Schafen hin?
Ein Spießrutenlauf beginnt, mit Zusagen und Hoffnung schöpfen, das Gute suchen und ein paar Stunden später erneute Absagen, ohne plausible Gründe außer diesem: "Auch diese Almen lassen nur noch Berechtigte hinauf."
Aus über 200 Schafen vor etlichen Jahren, sind jetzt noch zwei Bauern oben, die Rechte haben.
In die Gößnitz dürfen wir hinein.
Die Risslegger Männer, die ich schon kenne, seit sie kleine Buben waren, sprechen mir Mut zu.
Also treiben wir am Pfingstsamstag zusammen die Schafe in die Gößnitz. Aus der anfänglichen Angst, dass ich diesen steilen und langen Weg nicht schaffen könnte, wird mit jedem Höhenmeter den ich meiner Herde als Hirtin voran gehe, Kraft und Zuversicht. Joschua und Gregor gehen hinten. Daniel und ich vorne weg.
Es ist ein richtig schöner Almauftrieb und ich freue mich, dass ich durch die Schafe nun wieder öfters in dieses herrliche Gebirgstal komme. Eine Sorge habe ich dennoch. Die Alm ist verbuscht und groß und der Wolf hat da ein leichtes Spiel. "Bitte lieber Gott, jetzt musst du wieder ihr guter Hirte sein."
Mit Tränen in den Augen gehe ich heim. Eine schöne und gefährliche Freiheit habe ich meinen Tieren gegeben.
Nicht einmal einen Monat waren meine Schafe auf der Alm. Dort wo sie sein dürften, wollten sie nicht sein und wo sie waren, da dürfen sie nicht sein.
Ganz oben am Berg, Richtung Leiterköpfe suchen sie Schutz in der offenen Landschaft, die sie überblicken können. "Noch nia send Schof über den reißenden Gößnitzbach wieder auße gongn!" sagt der Almobmann.
Joschua ist da und ein netter Bergwanderführer und Bauer hilft uns die Schafe wieder da hinzubringen, wo sie sein dürfen. Entweder wieder hinten eine, oder heim. Ich hirne und hab eine schlaflose Nacht und Hubert meint: "Kannst dir eine ganze Nacht und den ganzen Weg überlegen, ob du sie eine oder heim tust."
Irgendwann schrei ich nur noch: "Heim, wir gehen heim!"
Wir hätten keine Chance gehabt, die kleine Herde wieder ganz hinten hinein zu treiben.
In den nächsten Tagen verkaufe ich etliche meiner Schafe. Die anderen bleiben bei ihren Stallgenossen daheim.
Am Abend von diesem ungewollten Almabtrieb mitten im Sommer, zieht ein Hagelgewitter über uns hinweg und schlägt alles im Acker und Garten zusammen.
Unsere Wochenlange Arbeit, in einer Stunde zunichte gemacht.
"Heute geh lieber nicht in den Acker!" sage ich zu Hubert am anderen morgen, "ich glaub, da blärrst sogar du!"
Erntereifer Salat, Kraut, Bohnen, Zucchini, Kürbis, ....
alles kaputt.
Doch ein paar Wochen später, haben sich die Pflanzlen im Acker erholt und alle Kräfte zusammen genommen und wieder von vorne begonnen.
Und wieder lehrt uns die Natur, dass man durch Schicksalsschläge wachsen kann.
Dass man danach, stärker ist wie zuvor.
Gott sei Dank hilft Joschua noch bei der Heumahd.
In diesem Sommer verreckt dann endgültig die Mähmaschine und wir brauchen eine Neue.
Hubert rechnet und telefoniert und wägt ab.
Die Phänologie erlaubt uns Bauern mit Schnittzeitpunktauflagen, eine zweiwöchige Vorverlegung des Schnittzeitpunkts.
Viele Stunden reche ich die Wiesen und hab oft das Gefühl, als würde ich die Erde unter meinen nackten Füßen streicheln. Es raschelt und duftet und für jede Stunde wo mich die Nachbarbauern ohne ihre lärmenden Heubläser gewähren lassen, bin ich dankbar.
Joschua ist noch bei der Honigernte dabei.
Die einzigen Tage im Jahr, wo Hubert schon um 5 Uhr auf ist.
Fleißig waren unsere Bienen und sie können tatsächlich noch bunte Blumenwiesen anfliegen, um Nektar zu sammeln.
Die Imkerei ist eine Wissenschaft für sich.
Ich kann gar nichts bei den Bienen, außer Honig essen und verkaufen.
Ich hab eine mords Angst und Respekt vor denen.
Umso mehr bewundere ich die Ruhe, mit der Hubert und Joschua so vor sich hinarbeiten.
Urlauber kommen und gehen wieder.
Viele sind als Urlauber gekommen und als Freunde gegangen und viele kommen als Stammgäste und ich darf sehen, wie aus den Kindern im laufe der Jahre junge Menschen werden. Wie sie ins Leben hinein reifen und ich ein kleines bisschen Wegbegleiter sein darf.
Mit den Ferien kommen auch die Enkelkinder.
Was für eine Freude, mit ihnen unten am Teich zu vagabundieren, oder mit ihnen ins Hochgebirge aufsteigen um die Murmeltiere zu besuchen.
Mit ihnen die ersten Beeren ernten und das erste Gemüse. Wie anders dürfen diese Kinder noch aufwachsen. Sie sehen, wieviel Arbeit es ist, bis man etwas zum Essen hat. Sei es Gemüse, Kartoffeln, oder Puten, Gänse, Hühner, Hasen, Ziegen, Schafe, ....
Einer der schwersten Tage in diesem Sommer, war der Tag, an dem Joschua seinen Rucksack packt und sich auf den Weg in die Welt macht.
"Eine Weltreise", sage ich. "Ich geh nur in Länder, für die ich kein Visum brauch!" sagt Joschua.
Es regnet. Oben am Hochtor peitscht uns der Schnee ins Gesicht.
Luis wird an diesem Tag, wo Joschua in die Welt hinaus zieht zwei Jahre alt.
Und ich steh da und spür den Schmerz, den meine Eltern vor vielen Jahren gespürt haben müssen, wie ich auf die Alm gezogen bin. Erst jetzt, soviele Jahre später, wo auch ich ein Kind in die völlige Ungewissheit ziehen lassen muss, spüre ich den Schmerz meiner Eltern.
Ich hülle mein ziehendes Kind in meinen liebenden Muttersegen und bitte wieder einmal einen lieben Gott um Beistand und Schutz für dieses Kind. Ich weine viel in diesen Tage und hoffe doch, Joschua findet was er sucht und kommt im besten Fall mit einem Plan für die Zukunft heim. Ein Jahr will er bleiben. In Spanien und Portugal überwintern. So der grobe Plan.
Wochenlang hören wir nichts von Joschua.
Wo bettet er sein müdes Haupt zur Ruh?
Wer hat ihn wohl mitgenommen? In welchem Land er wohl gerade ist? Er hängt seine Hängematte zwischen Bäume, schläft unter Brücken und in alten verlassenen Häusern. 40 Euro für ein Hostel zahlt er nur ganz selten.
Nur schwer gewöhne ich mich daran, dass Joschua nicht da ist. Die Enkelkinder und Urlauber helfen mir ein wenig darüber hinweg. Auch die Arbeit.
Das Höller Kreit mäht mir Franz. Und weil ich ihn im letzten Jahr mit seinem Blaser nicht ausgehalten hab, da lässt er mich in diesem Jahr in Ruh. Ganz allein heue ich die Almwiese zusammen und denke an die vielen Sommertage, die ich schon dort oben Almheu machen darf. Es kostet mich Kraft. Meine nackten Füße sind nach drei Tagen aufgestochen. Meine Hände haben blutige Blasen und meine Schultern einen Sonnenbrand.
Aber diese Arbeit, dort oben allein, in den Armen von Mutter Erde, gibt mir soviel Kraft. Es ist Medizin für die Seele. Ich bin so dankbar, dass ich diese Arbeit noch immer tun kann und noch immer soviel Kraft daraus schöpfen kann.
Ich schlachte mit Hubert die ersten Puten und Junghähne. Und sehnsuchtsschwer denke ich an Joschua. Die letzten Jahre haben wir miteinander geschlachtet und es war ein würdiges Ernten.
Vom Ei bis zum Braten, habe ich alles in Händen gehalten und begleitet. Ich habe das zarte junge Leben willkommen geheißen und ich habe das reife Tier mit aller Würde und großer Dankbarkeit begleitet. Ich habe in meinen Händen gespürt, wie das Leben gewichen ist und wie in meinen Händen aus dem Tier ein Lebensmittel geworden ist, welches leben hilft.
Hubert sagte einmal: "Jeder der Fleisch essen will, soll mindestens einmal im Leben ein Tier getötet haben." Daran muss ich oft denken.
Die zweite Mahd steht an und das Wetter passt und Hubert sitzt mit Topfenwickeln am schmerzenden Knie in der Stube.
Ich dränge ihn, einen von den Nachbarn um Hilfe zu bitten.
Irgendwann humpelt er zu mir ins Büro und meint:
"Mähen kannascht du a, die Joanna hat es a derpackt!"
"Wenn mir zeigst wia´s geht!"
Die neue Mähmaschine macht es mir deutlich leichter, wie die Alte mit all ihren Tücken, die nur bei Kundigen irgendwas getan hat.
Meine Hände sind viel zu klein für die Griffe. Aber ich lerne Gänge einlegen, Gas geben, rechts und links drehen. Stund um Stund lauf ich der Mähmaschine hinterher und bin mächtig stolz auf mich selbst, dass ich dies auf meine alten Tage auch noch geschafft hab.
"Man weiß oft erst was man alles kann, wenn man es tun muss."
Wir dürfen ernten und wir können teilen und
teilhaben-lassen.
Und über diesem Tun von ernten und hüten und jagen und putzen, steht auf einmal mein Kind vor mir.
Ich denke im ersten Moment ich seh einen Geist.
Doch es ist tatsächlich mein Weltenbummler-Kind.
"An der Grenze zu Frankreich hat mir jemand meinen Rucksack gestohlen, mit Reisepass!" erzählt Joschua.
Im laufe der nächsten Wochen, wo ich mit meinem Kind das Biotop heue, er mir wieder Fische fängt und mit den Hunden spazieren geht und wir wieder miteinander schlachten,.... in diesen Wochen sage ich immer wieder einmal: "Dem Typ, der dir dein Rucksack gestohlen hat, muss ich eigentlich dankbar sein."
Ich habe viel gesäet in diesem Jahr und in meinem Leben und ich durfte viel und reichlich ernten, nicht nur in diesem Jahr, sondern schon mein ganzes Leben lang.
Viele Geschenke hat mir das Leben gemacht:
gesunde Kinder und Enkelkinder, eine Heimat,
ein freies und ehrliches Leben, ein Leben eingebunden im Rhythmus der Jahreszeiten, ein Leben als Teil in Gottes Schöpfungsplan, ein Leben mit Tieren, Schreiben und Tanzen, ein Leben ohne Krieg und mit genügend Essen, ein Leben wo mein Glas immer halb voll war, nie halb leer,....
Das reifwerden eines Menschen, ist im tiefsten Grunde ein Dankbar - werden.
























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